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Literaturwettbewerbe: Aufnahme in die Short List beim "Armin T. Wegner" Preis

Freude!! Meine erste Veröffentlichung in einer Anthologie! Die diesjährige Teilnahme an diversen Schreibkursen bei der Autorin Diana Hillebrand und diversen Wettbewerben in diesem Jahr hat sich nicht nur wegen der abwechslungsreichen und herausfordernden kreativen  Betätigung gelohnt. Bei einem Schreib-Wettbewerb ist meine Geschichte unter die letzten 30 von 500 Teilnehmern gekommen und wird in einem Buch veröffentlicht. Das eröffnet mir die Teilnahme an weiteren interessanten Wettbewerben, die eine Veröffentlichung als eine Voraussetzung nennen. Über die üblichen Teilnahmebedingungen hatte ich ja bereits an dieser Stelle einmal informiert.

Im Juni reichte ich meinen Beitrag "Außer Fische" beim "Armin T. Wegner" Literatur-Wettbewerb ein. Der Wettbewerb war ausgeschrieben zum Gedenken an die Erklärung der Menschenrechte vor 60 Jahren. Außerdem jährt sich heuer der Todestag von Armin T. Wegner zum 30-sten Mal. Mir war der Name Armin Theophil Wegner vor der Teilnahme am Wettbewerb ehrlichgesagt nicht geläufig, aber von ihm stammt der bekannte Satz: "Wer die Wahrheit spricht..., muss immer ein gesatteltes Pferd bereithalten". Er dokumentierte im Ersten Weltkrieg die Vertreibung und Ermordung der Armenier durch die Türken.  Bemerkenswert war auch sein Engagement nach der Machtergreifung der Nazis. 1933 schrieb er einen offenen Brief an Hitler. Darin prangerte er öffentlich die ersten antisemitischen Verbrechen der Nazis an. Er wurde nach einigen Monaten Gefängnis, Folter und KZ glücklicherweise wieder freigelassen und konnte nach Italien ins Exil gehen. Während und nach dem Krieg galt er als verschollen, wurde 1948 entdeckt und mit zahlreichen Auszeichnungen für seine Zivilcourage und seine literarische und journalistische Tätigkeit geehrt, starb er 1978.

Hier ist meine Geschichte zum Thema Menschenrechte, die übrigens auf einem tatsächlichen Gespräch beruht, das ich vor ein, zwei Jahren mit meiner Tochter Elena (damals um die 4 Jahre alt) hatte. Ich habe das Thema für die Geschichte lediglich etwas "verbreitert". Viel Spaß dabei!

»Außer Fische«

Sie sieht zu mir auf und fragt mich ungläubig:
»Warum hat er das gemacht?«
»Weil die Leute damals sehr böse waren«, sage ich, aber ich denke: »Wie viel Bosheit rechtfertigt dieses Mittel? Gegen das wahllose Ertränken der beinahe gesamten Menschheit muten die versuchte Ausrottung der Juden durch die Nazis oder der Genozid der Hutus an den Tutsis wie derb entgleiste Streiche dummer Jungen an.«
Elenas Wangen werden an der höchsten Stelle ein wenig röter, ihre Augen sind weit aufgerissen und die Brauen hochgehoben. Sie möchte der Ungerechtigkeit Gestalt geben und formuliert ihre Frage, während sie mehrmals mit dem Kopf nickt:
»Und die Tiere. Waren die auch böse?«
»Das weiß ich nicht, aber eine Sintflut überlebt niemand. Auch die Tiere nicht. Außer Fische vielleicht. Darum hat Gott zu Noah gesagt, er soll die Arche sehr groß bauen und von den meisten Tierarten zwei mitnehmen.«
Elena richtet sich auf und verstärkt alles was sie sagt mit dem Einsatz ihres Körpers. Sie betont mit den Armen, fragt mit der Drehung ihrer Hände und bewertet mit dem Druck der ersten Tränen in ihren Augen: »Aber die Tiere waren nicht böse hast Du gesagt und er hat sie trotzdem untergetaucht. Das geht nicht! Er ist gemein. Er ist kein lieber Gott. Er ist ein böser Gott. Ein ganz, ganz böser Gott.«
»Ja, Elena, das ist schwierig«, sage ich mit einem in die Länge gezogenen Singsang. So versuche ich etwas Zeit zu gewinnen. »Es sind Bilder, Elena. Die Leute von der Kirche haben sich diese Geschichte vor langer Zeit ausgedacht, um sich selbst und den anderen Menschen zu erklären, warum schreckliche Dinge passieren. Stürme, Überschwemmungen und Erdbeben. Und auch, damit die Menschen ein bisschen Angst kriegen.«
»Dann gab’s keine Schwemmung mit der Arche?«
»Es gab schlimme Überschwemmungen – auch damals. Aber genau so ist es wahrscheinlich nicht gewesen.«
»Warum haben sich’s die Leute von der Kirche dann ausgedacht und so gemalt?«
»Weil sie wollten, dass die Menschen wieder lieb sind«, sage ich und denke: »damit der kleine Mann nicht aufbegehrt, sondern klaglos weiter schuftet, zum Wohle der Fürsten und Bischöfe.«
Elena laufen die ersten Tränen über die Wangen. Sie gestikuliert wütend mit ihren Armen und spricht laut:
»Sind die Kirchenleute denn lieb? Wenn sie solche Geschichten erzählen und den Anderen Angst machen?«
Ich gerate in argumentative Bedrängnis, obwohl ich mir die Bibelgeschichten bekanntermaßen nicht ausgedacht habe.
»Lieb ist das nicht, wenn man etwas erzählt, um jemand anderem Angst zu machen. Das finde ich auch nicht. Aber schau, Elena, irgendwie macht die Geschichte von der Arche doch auch Mut.«
»Ich bin mutig weil ich ein Pirat bin und der Frido auch. Aber die Sintflut ist gemein.«
»Sieh mal, wenn man die Geschichte einfacher erzählt, kann man sagen: es gibt ganz schlimme Sachen, aber eines Tages sind sie auch wieder zu Ende und das Leben wird schöner. Noahs Familie bekommt Kinder und ihre Kinder bekommen wieder Kinder. Auch die Tiere bleiben nicht lange allein. Nach der Sintflut, wenn das Wasser wieder weg ist, suchen sich die Tiere einen Platz unter Bäumen oder fangen an Nester zu bauen und nach einiger Zeit haben sie dann Tierbabys.«
»Auch die Eisbären?«
Sie beruhigt sich etwas.
»Ja, auch die Eisbären!« sage ich und denke, »ein Glück, dass Kinder sich selbst vor Schrecklichem schützen.«
Von Elena unbemerkt habe ich umgeblättert. Wir sehen Moses, der gerade auf dem Berg Horeb einem brennenden Dornbusch gegenüber steht und vom Gott der Juden und Christen seine Weisungen erhält. Ich lese vor. Elena unterbricht nach den Zehn Geboten. Ich überlege, warum ich als Gute-Nacht-Lektüre nicht Pumuckl vorgeschlagen habe.
Sie fragt: »Wo sind die Zehn Gebote jetzt?«
»Die alten Tafeln selbst sind wahrscheinlich in einem Museum. Die Worte sind in die Gesetze vieler Länder geschrieben worden. Gesetze sind Regeln.«
»Wie bei uns im Kindergarten. Da gibt’s Waldregeln und Bauwagenregeln. Aber wenn wir ins Schwimmbad fahren, müssen wir auch die U-Bahn-Regeln kennen.«
Ich möchte verhindern, dass sie mir nun die Regeln aller drei Kategorien aufzählt, darum versuche ich das Thema zu verbreitern.
»Genau, Elena. Regeln und Gesetze sind gut, damit man weiß, was man tun kann und was man nicht tun soll. Doch außer den Gesetzen gibt es auch Rechte. Rechte sind, was jemand tun darf und was ihm andere Menschen nicht verbieten dürfen. Rechte schützen jeden Menschen. Man nennt das Menschenrechte.«
Noch während ich die letzten Worte ausspreche, ahne ich neuen Klärungsbedarf. Ich frage mich, wie ich annehmen konnte, dass eine Verbreiterung des Themas Elena die Sprache verschlagen könnte.
»Papaaa...«
»Ja mein Schatz?«
»Wir waren doch bei Juliana im Biergarten. Und da war auf dem Spielplatz ein Mädchen, das hat immer gesagt: »Ich bin kein Kindlein, nein, und möcht’ auch keines sein. Ich bin ein Mensch, kein Kind!« Haben Kinder keine Rechts, nur Menschen?«
»Klar haben Kinder Rechte. Menschen sind wir doch alle, Kinder und Erwachsene.«
»Wenn Mama mir erlaubt, dass ich nach dem Frühstück ein Maoam darf, ist das dann Rechte?«
Mir begann der Kopf zu brummen, aber ich gab nicht auf.
»Das ist vielleicht kein Recht, weil Du es nicht jeden Tag kriegst und weil Du es auch nicht ganz frei entscheiden darfst. Aber es ist so ähnlich. Ein Recht ist zum Beispiel, dass wir sagen können, was wir denken. Bei uns in Deutschland darf uns keiner ins Gefängnis stecken, weil wir ehrlich unsere Meinung sagen. Auch wenn sie jemand anderem nicht gefällt. Außer es ist was Gemeines. Das ist nicht überall auf der Welt so.«
»Papaaa, hat der liebe Gott die Rechte gemacht?«
»Nein hat er nicht. Gott ist mehr für die Regeln zuständig«, sage ich und denke: »Kirchen und Herrschende haben bis zur Aufklärung recht wirkungsvoll zusammengearbeitet, wenn es um die Erhaltung ihrer Privilegien ging.«
»Also hat der liebe Gott nur Regeln gemacht.«
»Eigentlich hat Gott selbst gar keine Regeln gemacht, sondern die Menschen haben sich überlegt, was Gott wohl für Regeln gut gefunden hätte und haben die dann aufgeschrieben. Alle Geschichten über Gott und Jesus sind von Menschen aufgeschrieben worden.«
»Und die Polizei passt auf, dass sich alle an die Regeln halten. Sonst schreiben die Polizisten Strafzettel…«, mit einer zupackenden Geste und tief verstellter Stimme fährt Elena fort: »...oder sie sperren die Räuber ins Gefängnis.«
»So ungefähr.«
»Und Gott hat erlaubt, dass auch Kinder die Rechte haben?«
»Gott ist das egal«, entgegne ich, während ich die Bibelgeschichten zuklappe: »früher dachte man, der liebe Gott sei streng, aber immer gerecht. Heute finden wir vieles in den Geschichten nicht so gerecht und manchmal sogar gemein.«
»Ja, die Sintflut war gemein. Und ganz böse.«
Während ich Elena zudecke, kommen mir noch mal Moses und die zehn Gebote in den Sinn. Ich erinnere mich an Passagen des Zweiten Buch Mose, des Ursprungs der Zehn Gebote, die wir zu Schulzeiten in Ethik analysierten: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. ... Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation...“
Nach diesen Gedanken möchte ich etwas sehr Tröstliches sagen: »Wahrscheinlich wohnt Gott in jedem von uns. Ich meine, der liebe Gott. Schlaf gut, Elena.«
»Gute Nacht Papa.«
Ich denke, es war der richtige Entschluss unsere Kinder nicht zu taufen. Morgen werde ich Pumuckl vorlesen.
»Papaaaa..., haben die Tiere auch Rechte?«