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»Brain Drain«

So bezeichnet man die Abwanderung von Hochqualifizierten ins Ausland.

Diese Spezies zählt seit ein paar Tagen ein neues Exemplar: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck. In einem Interview nach dem Gewinn des Oscars für den besten nicht-englischsprachigen Film »Das Leben der Anderen«, antwortete er auf die Frage, "ob ihm denn dieser Rummel, der plötzlich um seine Person gemacht werde, nicht irgendwie seltsam vorkäme...", sinngemäß, "dass ihm sein Leben vor diesem Rummel seltsamer vorkam, als sein jetziges. Er wäre nun endlich da, wo er immer schon hinwollte und fühle sich in der Gesellschaft der Großen des Filmbusiness Zuhause." In den letzten Wochen bekam er bereits eine Menge Vorschusslorbeeren von lebenden Legenden wie Steven Spielberg und Clint Eastwood.

Arrogant? Keineswegs! Denn was dieser stattliche zwei Meter lange Siegertyp mit dem Namen, der irgendwie an die Pickelhaube von Bismarck erinnert sagt, ist denke ich nicht die endorphintriefende, markige Sprache eines Überfliegers, dem der viele Champagner der letzten Tage nachhaltig auf sein Erinnerungsvermögen geschlagen hat. Es ist vielmehr Ausdruck eines Erfolgsmenschen, der nicht nur auf einen Stammbaum bis ins 14. Jahrhundert verweisen kann, sondern der nach einem Einser-Abi nach Oxford und St. Petersburg zum Politologie studieren ging und der schon vor ein paar Jahren fest entschlossen war, das zu holen, was er vor einer Woche in die Hand gedrückt bekam. Einige seiner Kommilitonen aus seinem Semester von der Hochschule für Fernsehen und Film München  berichteten, dass Florian  Henckel von Donnersmarck schon zu Beginn des Studiums nicht nur wegen seiner Größe zwischen den meisten Studierenden hervorstach. Er legte es von Anfang an darauf an, mit seinen Projekten auch an ein amerikanisches Stipendium heran zu kommen. Zwei Mitproduzenten des Films, waren auch unter seinen Kommilitonen an der HFF und gründeten ihre Produktionsfirma übrigens während des ersten Semsters. "Das Leben der Anderen" wurde übrigens vom Berlinale Chef abgelehnt und lief auch nicht in Cannes. Armes Europa!

Bescherte von Donnersmarcks hervorragendes Drehbuch oder seine grandiose Regieleistung dem größtenteils mit bayerischen Fördergeldern finanzierten Stasi-Drama nun den Oscar? Ich glaube nein! Seine Fähigkeiten als Autor und Regisseur sind sicher gut, aber sind sie wirklich dieses Quentchen besser, als die der anderen Nominierten? Was in meinen Augen viel größere Bewunderung verdient, ist die innere Einstellung eine kritische Schlagzahl zu erreichen und unermüdlich durchzuhalten, die notwendig ist, dass der Zufall das Genie überhaupt entdecken kann. Aber auch die Selbstverständlichkeit, mit der er aus einem deutschen Thema ein gerade für die meisten Amis sehr relevantes Produkt formulierte, ist beachtenswert. Er reiste ein ganzes Jahr um den Globus und rührte persönlich unermüdlich die Werbetrommel für sein Baby. Dabei blieb er immer aufgeschlossen und freundlich und erklärte zum Beispiel in asiatischen Ländern hunderte von Malen bereitwillig, wie das denn mit der Stasi so war. Er und seine exzellente PR-Agentur aus LA schafften es schließlich, in den letzten Wochen in denen der Film in den Kinos in L.A. lief, ihn für die von der Post-9/11 Paranoia heimgesuchten Amerikaner in den Status eines universell nachvollziehbaren Überwachungsstaat- und Bespitzelungs-Whitelabel zu erheben, mit dem sie sich in hohem Maße selbst identifizieren können.

Und jetzt? Nichts wie weiter auf der Karriereleiter! Und dass die für von Donnersmarck schon lange nicht mehr am Münchner Olympiaturm, sondern eher am Empire State Building lehnt, glaubt man nicht zuletzt wegen seines Selbstbewusstseins ohne Weiteres.

Die Gewinner der wichtigsten Oscar-Kategorien der letzten über 70 Jahre findet man übrigens auf DVD bei glowria.

Autor: Andi Zachariades - München - 2007